SS-Karstwehr ermordete in Avasinis 51 EinwohnerInnen

Einschusslöcher

„Von Massakern wurde nie etwas erzählt“

Die Recherchen sind aufwändig, sie führen bis nach Norditalien in die Provinz Udine. Dort liegt das Bergdorf Avasinis, ein 800-Seelen-Ort an den Hängen des Monte Cuar. Die Spuren weisen auch in die von vielen Urlaubern geliebte Fränkische Schweiz im Städtedreieck Bayreuth-Bamberg-Nürnberg. Hier wurde im bekannten Urlaubsort Pottenstein 1942/43 die so genannte SS-Karstwehr gedrillt, die bei der Partisanenbekämpfung in Italien und Slowenien eine blutige Spur zog.

Die Recherchen sind aufwändig, sie führen bis nach Norditalien in die Provinz Udine. Dort liegt das Bergdorf Avasinis, ein 800-Seelen-Ort an den Hängen des Monte Cuar. Die Spuren weisen auch in die von vielen Urlaubern geliebte Fränkische Schweiz im Städtedreieck Bayreuth-Bamberg-Nürnberg. Hier wurde im bekannten Urlaubsort Pottenstein 1942/43 die so genannte SS-Karstwehr gedrillt, die bei der Partisanenbekämpfung in Italien und Slowenien eine blutige Spur zog. Das SS-Karstwehrbataillon wurde im August 1943 nach Kärnten verlegt und war anschließend bei Tarvis im Einsatz. Im November 1943 wurde die Elitetruppe dem Höchsten SS- und Polizeiführer Italiens, Karl Wolff, zur Partisanenbekämpfung im Adriatischen Küstengebiet unterstellt.

Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Die Staatsanwaltschaft in Würzburg ermittelt seit Juli 1997 gegen unbekannte Angehörige der SS-Karstwehrdivision wegen eines Massakers an 51 Einwohnern von Avasinis am 2. Mai 1945 – dem Tag, als die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien in Kraft trat. Die arglose Bevölkerung glaubte, der Krieg wäre vorbei und wähnte sich in Sicherheit. „Die Glocken der Kirchtürme der umliegenden Dörfer läuteten zum Tag unserer Befreiung“, erinnerte sich eine Zeitzeugin. Der renommierte Militärhistoriker Gerhard Schreiber schilderte in seinem Buch „Deutsche Kriegsverbrechen in Italien“ den Überfall: „Am Morgen jenes Maitages griffen Partisanen einen SS-Verband an, der sich in nördlicher Richtung absetzte. Im Anschluss an das kurze Gefecht begab sich die Truppe ins nahe gelegene Avasinis und metzelte erbarmungslos 51 Bewohner nieder, darunter fünf Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren und zwei Frauen, die 75 und 81 Jahre zählten.“

Jahrzehntelang blieben die Mörder in Uniform im Dunklen. Erst das Wiesenthal-Dokumentationszentrum in Wien, das weltweit NS-Verbrechen recherchiert, wies die deutsche Justiz im August 1995 schriftlich auf das Massaker hin. Der Würzburger Staatsanwaltschaft wurde das Verfahren schließlich im Juli 1997 zugeteilt. Parallel dazu ermittelte Würzburg wegen zahlreicher weiterer Massaker durch die Pottensteiner Karstwehr in Slowenien 1943 und 1944 – ergebnislos. Geschichtsprofessor Tone Ferenc von der Universität Ljubljana fällte ein klares Urteil: Es habe wahrscheinlich keine Truppe gegeben, die so viele Verbrechen an der Zivilbevölkerung beging wie die Karstwehr unter fast einjähriger Führung von SS-Standartenführer Hans Brand.

Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Clemens Lückemann in Würzburg auf Anfrage erklärte, wurden im Zuge beider Verfahren insgesamt 134 ehemalige SS-Karstwehrsoldaten vernommen. Lückemann hat „keinen Zweifel an der Richtigkeit der Schilderungen“ über das Blutbad. Zwar konnten sich die Veteranen unisono daran erinnern, in diesem Gebiet gewesen zu sein, doch keinesfalls in Avasinis selbst. Für die deutsche Justiz steht aber fest, dass Teile der Division zum betreffenden Zeitpunkt beim Dorf vorbeigekommen sind. „Ermittlungen sprechen sich in diesen Kreisen schnell herum“, meinte ein Kriminaler, der auch Absprachen der SS-Leute untereinander vermutete. Vieles deutet darauf hin.

Die letzte Hoffnung setzt Lückemann auf ein Rechtshilfeersuchen an Italien, das im August 1999 gestartet wurde. Die Militärstaatsanwaltschaft Padua hatte lange vorher wegen der Gräuel in Avasinis ermittelt und auch heimische, zivile Augenzeugen vernommen. Die deutschen Fahnder erbaten Akteneinsicht, um vielleicht doch noch auf Täterhinweise zu stoßen.

Heute erinnert in Avasinis ein mächtiger Gedenkstein, auf dem die Namen der Opfer eingemeißelt sind, an den 2. Mai 1945. Die Gemeinde Trasaghis, zu der das Dorf gehört, veröffentlichte 1995 eine Gedenkschrift, in der Lokalhistoriker Pieri Stefanutti den „grausamen Rachefeldzug“ rekonstruierte und Augenzeugen zu Wort kommen ließ. Bürgermeister Ivo Del Negro will die Erinnerungen wach halten, um damit „bei einer wahrhaften Förderung des Friedens mitzuwirken“.
Kommandeur der Karstwehr war bis Juni 1944 der Pottensteiner Höhlenforscher Hans Brand. Das erste SS-Treffen fand 1975 in Pottenstein statt, sieben Mal bis 1987 zog sich der Spuk hin. Heute feiern die alten Kämpfer nahe Salzburg alle zwei Jahre ihre Taten. „Von Massakern wurde nie etwas erzählt“, erinnerte sich ein Teilnehmer, vielmehr wurde in „alter Kameradschaft“ geschwelgt.

Peter Engelbrecht

Peter Engelbrecht ist Tageszeitungsredakteur in Bayreuth und veröffentlichte 1997 das Buch „Touristenidylle und KZ-Grauen. Vergangenheitsbewältigung in Pottenstein“.

„Tatort Avasinis“

TV-Feature der Medienwerkstatt Franken

http://www.medienwerkstatt-franken.de/mediathek/zeitgeschichte/zeitgeschichte-detailansicht/news/tatort-avasinis

Überlebende berichten über ihre schmerzvollen Erinnerungen.

Das Massaker von Avasinis

http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/01/massaker-von-avasinis