Rom, offene Stadt

Via Rasella
Die Einschusslöcher in der Via Rasella

Der Begriff „offene Stadt“ stammt aus dem modernen Kriegsrecht und bezeichnet eine entmilitarisierte Zone. Der Status sollte die Unversehrtheit von Zivilbevölkerung und wertvollen Kulturgütern gewährleisten und ­verbot den militärischen Durchgangsverkehr.

Im August 1943 erklärte die Regierung Badoglio Rom zur „offenen Stadt“. Trotz Bestätigung dieses Status’ übten Wehrmacht, SS, SD und italienische Faschisten in den Folgemonaten ­Terrormaßnahmen gegen die Bevölkerung aus. Deportationen der jüdischen RömerInnen, Verfolgung, Folter und Ermordung politischer GegnerInnen, Razzien und Verschleppung der ­Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit und willkürliche Erschießungen waren während der deutschen Besatzung an der Tagesordnung. Wohnungs­wechsel und Briefverkehr wurden verboten, Telefonate nur an überwachten Stellen erlaubt. Menschen auf dem Fahrrad wurden sofort erschossen, da es sich um AttentäterInnen handeln konnte, umgekehrt aber war das Benzin ­rationiert und es gab kaum mehr ­öffentliche Verkehrsmittel. Zudem verlief der militärische Nachschub an die Front im Süden durch Rom.

Erste Kämpfe an der Porta San Paolo

Sofort nach Bekanntgabe des Waffenstillstands zwischen Italien und den Alliierten am 8. September 1943 ­begannen deutsche Truppen, Rom einzunehmen. In einem spontanen Aufstand leisteten die römische Zivilbevölkerung und Partisanen, schließlich auch italienische Militäreinheiten entschiedenen Widerstand. Dieser ungleiche Abwehrkampf an der Porta San Paolo bei der Cestius Pyramide scheiterte an der militärischen Überlegenheit der Deutschen.
Die neun Monate deutscher Besatzung bis zur Befreiung Roms am 4. Juni 1944 wurden zur härtesten Kriegs­periode für die römische Bevöl­kerung, die sich einer Kollaboration widersetzte. Sofort nach dem 8. Sept. 1943 konstituierte sich der CLN, das Nationale Befreiungskomitee, dem sämtliche Parteien angehörten. Die beteiligten Gruppierungen gingen militant und politisch gegen die deutschen Besatzer und kollaborierenden Faschisten vor. Besonders in den ­römischen Vororten gelang ihnen die vorübergehend Kontrolle der Bezirke.

Deportation der jüdischen Gemeinde in Rom

Ende September 1943 verschaffte sich die SS die Namens- und Adresslisten der jüdischen Bevölkerung Roms aus der Großen Synagoge im ehemaligen Ghetto am Tiber. Sie verhaftete am 16. Oktober 1943 unter Obersturmbannführer Herbert Kappler im Ghetto und in weiteren Stadtteilen über 1.000 jüdische RömerInnen. In den Folge­monaten wurden noch weitere ­jüdische Menschen aus Rom ­deportiert, ­insgesamt wurden 2.091 ermordet.

Synagoge in Rom

Synagoge in Rom

Herbert Kappler und die Folterzentrale in der Via Tasso

Obersturmbannführer der SS Herbert Kappler (1907-1978), Kommandant der deutschen Polizei in Rom, hatte seinen Sitz im Gestapogefängnis der Via Tasso, wo Widerstandskämpfer gefoltert und ermordet wurden.
Kappler war seit 1931 Mitglied der NSDAP und der SS. Nachdem sich die SS schon im September 1943 durch den Raub von über 100 Tonnen Gold aus der italienischen Staatsbank bereichert hatte, zwang Kappler wenige Tage später mit einem Täuschungsmanöver, sie könnten damit einer Verfolgung entgehen, die jüdische Gemeinde, 50 Kilo Gold abzuliefern. Dass die Deportation der jüdischen Bevölkerung in die Vernichtung bereits feststand, war Kappler bekannt. Er ist darüber hinaus persönlich verantwortlich für die Deportation von ZwangsarbeiterInnen nach Deutschland und die Ermordung der 335 Geiseln in den Fosse Ardeatine als Vergeltung für den Partisanenanschlag in der Via Rasella.
1948 wurde Kappler zu lebenslanger Haft verurteilt, konnte jedoch 1977 aus dem italienischen Militärkrankenhaus nach Deutschland fliehen, wo er kurz darauf starb.
Heute befindet sich in der Via Tasso das Museo storico della Liberazione.

Mahnmal Hungerrevolte

Mahnmal zum Gedenken an die ermordeten Frauen der Hungerrevolte von 1944

Aushungern

Mit dem Status der “offenen Stadt” sollte auch die Versorgung der ­Zivilbevölkerung gewährleistet sein. Die deutschen Besatzer jedoch verur­sachten durch drastische Reduzierung der Brotrationen systematisch die Aushungerung der römischen ­Bevölkerung.
Anfang April 1944 initiierten Frauen der römischen Arbeiterviertel erste Brotaufstände und stürmten Bäckereien. PartisanInnen der Widerstandsgruppen verstärkten diese “Angriffe auf die Öfen” mit der Aufforderung “Fordert euer Recht zu leben ein!” Als Frauen südlich der Porta San Paolo eine Bäckerei plünderten, die die deutschen Truppen versorgte, erschoss die SS willkürlich zehn Frauen. Seit 1997 befindet sich hierzu auf dem Ponte di Ferro ein Mahnmal.

 

Die Resistenza und der Anschlag in der Via Rasella

Die deutschen Besatzer konnten den Widerstand in Rom zunächst nicht schwächen. Obwohl sie die Bewegungsfreiheit durch frühe Ausgangs­sperren massiv einschränkten, gelangen den sozialistischen Partisanengruppen und den kommunistischen GAP (Gruppi di azione patriotica mit Kleingruppen aus 4-5 Personen) zahlreiche militärische Aktionen und ­Anschläge auf Besatzer, Faschisten und die Infrastruktur.
Im Februar 1944 wurde eine Polizeieinheit an Freiwilligen von Innsbruck nach Rom verlegt, um den antifaschistischen Widerstand niederzuschlagen. Dieses SS-Polizeibataillon marschierte täglich schwer bewaffnet zu seinen militärischen Übungen durch die Innenstadt. Die kommunistischen PartisanInnen der GAP beschlossen, in der schmalen und verkehrsarmen Via Rasella einen Bombenanschlag auf das Bataillon durchzuführen. Der Anschlag sollte am 23. März 1944 stattfinden, dem Jahrestag der Gründung der faschistischen Partei.
Der Gappist Rosario Bentivegna verkleidete sich als Straßenreiniger und schob einen Müllwagen mit der präparierten Bombe zur besagten Straße. Als das SS-Bataillon in die Straße einbog, zündete Bentivegna den Sprengstoff. Bei dem Anschlag starben 33 Südtiroler Polizeiangehörige am Ort oder erlagen später ihren Verletzungen. Auch zwei unbeteiligte Zivilisten fielen der Bombe zum Opfer, während die GAP selbst keine Verluste hatte.
Die Deutschen schossen nach dem Anschlag wild um sich, weil sie einen Anschlag aus den umliegenden Häusern vermuteten. Die Einschusslöcher sind bis heute sichtbar und dürfen nicht renoviert werden.

Das Massaker in den Fosse Ardeatine

Fosse ArdeatineNach dem Anschlag beschlossen die deutschen Entscheidungsträger eine grausame Vergeltungsaktion: Für ­jeden toten SS-Polizeisoldaten sollten zehn Italiener getötet werden. Die Erschießungen von 330 Menschen wurden am nächsten Tag unter dem Kommando von Kappler heimlich in einer Tuffsteinhöhle, den Fosse ­Ardeatine, in der römischen Peripherie durchgeführt. Die Auswahl der italienischen Opfer erfolgte wahllos unter den von den Deutschen Inhaftierten, es fanden sich Partisanen darunter sowie Angehörige der Badoglio-Regierung, Juden, die zur Deportation bestimmt waren, und weitere unbeteiligte Männer jedweden Alters. SS-Hauptsturmführer Erich Priebke strich die Namen von der Liste. Als sich herausstellte, dass statt der ­
330 ­„geforderten“ ­Geiseln in der Schnelle 335 angeschleppt worden waren, erschoss man auch diese, um keine Zeugen zu hinterlassen.
Um den Massenmord zu verheim­lichen und Aufruhr in der Bevöl­kerung zu vermeiden, wurde die Höhle anschließend gesprengt. Gleichwohl blieb der Mord nicht unentdeckt. Die Frauen, Mütter und Schwestern der Ermordeten, hielten monatelang ­Wache vor der gesprengten Höhle und erreichten, dass die Toten nach der Befreiung ­exhumiert, identifiziert und ange­messen beerdigt wurden.

Die Diskussion über das Attentat in der Via Rasella

Das Attentat wie die Vergeltungsmaßnahme waren ein Resultat der deutschen Besatzung. Die Diskussion über Schuld, Ursache und Verantwortung für die Repressalie hält bis heute an und wird konträr geführt.
Das Verhältnis 1:10 entsprach nicht dem geltenden Völkerrecht. Nach dem Krieg erklärten britische Juristen die deutsche Sühnemaßnahme als „blutigen Terror und Racheakt“ und als unrechtmäßige Repressalie.
Für den Widerstand bildeten solche terroristischen Vergeltungsakte ein erhebliches Problem. Letztendlich überwog die Notwendigkeit, Faschisten und den deutschen Invasor zu bekämpfen. Allerdings sollte die Bevölkerung keinen zu hohen Preis dafür bezahlen müssen. Dieser Zwiespalt kennzeichnete generell das Vorgehen und die Debatten innerhalb der Resistenza. Dass die Deutschen die Repressalie zu vertuschen suchten, zeigt jedoch die Einmaligkeit des Massakers von Rom.
Der Massenmord lähmte und schwächte den römischen Widerstand erheblich und verhinderte, dass Rom sich selbst befreien konnte, wie dies in anderen Städten Norditaliens möglich war.

Nadja Bennewitz

Weiterführende Literatur:
Robert Katz: Rom. 1943-1944. Besatzer, Befreier, Partisanen und der Papst, Essen 2006
Steffen Prauser: Mord in Rom? Der Anschlag in der Via Rasella und die deutsche Vergeltung in den Fosse
Ardeatine im März 1944, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 50, 2002, S. 269-301