„Einen Strich für jedes Militärfahrzeug“

Annita Malavasi

Annita Malavasi war Kommandantin einer Antispionageeinheit

Annita Malavasi (1921-2011) ist 22 Jahre alt, als sie in Kontakt mit dem Widerstand kommt. „Wir wohnten in einem Arbeiterviertel, wodurch ich mit Leuten politisch diskutierte, die viel weiter entwickelte Ideen hatten und schon viel stärker politisiert waren als ich. Da ihr Freund in der Bergregion lebt, ist Annita Malavasi oft dorthin unterwegs. Den dort operierenden Partisan_innen fällt das auf: „Sie fragten mich, ob ich Waffen, Informationen, Lebensmittel usw. transportieren könnte. Das habe ich dann auch gemacht.“

Die Macht der Faschisten bekam Annita Malavasi schon als Kind zu spüren. Bei einem Malwettbewerb in der Schule zeichnete sie das schönste Bild. „Aber als ich im örtlichen Theater bei der Preisverleihung auf die Bühne gerufen wurde, schaltete sich der faschistische Parteivorsitzende des Ortes ein und meinte: Du bist nicht Mitglied in der faschistischen Mädchenorganisation, du bekommst hier keine Preise. So etwas hinterlässt bei einem 10jährigen Mädchen Spuren fürs ganze Leben!“
Aus sozialistischem Elternhaus kommend ist Annita Malavasi 22 Jahre alt, als sie in Kontakt mit Partisan_innen kommt. „Wir wohnten in einem ­Arbeiterviertel, wodurch ich mit Leuten politisch diskutierte, die viel weiter entwickelte Ideen hatten und schon viel stärker politisiert waren als ich. Da ihr Freund in der Bergregion lebt, ist Annita Malavasi oft dorthin unterwegs. Den dort operierenden Partisan_innen fällt das auf: „Sie fragten mich, ob ich Waffen, Informationen, Lebensmittel usw. transportieren könnte. Das habe ich dann auch gemacht.“ Sie schreibt Flugblätter und Artikel für antifaschistische Zeitungen und überbringt Waffen. „Aber ich hatte immer Angst vor Sprengstoff. Einmal war ich mit einer Tasche voller Handgranaten, die wir in Glühbirnenkartons versteckt hatten, unterwegs. Ich habe die Tasche weit von mir weg gehalten, als ob das ­etwas genützt hätte, aber das waren eben meine ersten Aktionen.“ Als Kurierin gerät sie immer wieder in gefährliche Situationen: „Einmal habe ich eine Pistole in meinem BH transportiert, und genau in dem Moment, als ich von Deutschen kontrolliert wurde, ist der BH aufgesprungen. Ich tat als wäre mir schlecht, als müsste ich mich übergeben. Sie boten mir Hilfe an, aber ich sagte: Nein, ich gehe zu meinem Freund, der ist ein toller Arzt, es geht schon. Ich hatte immer diese Fähigkeit, im Augenblick großer Gefahr ­einigermaßen die Ruhe zu bewahren und mich selbst kontrollieren zu können.“
Mehrere Monate lang, bis August 1944, ist Annita Malavasi als Stafette unterwegs. Doch dann wird sie denunziert. Sie wird verhaftet, übersteht sechs Stunden Verhör, ohne etwas preiszugeben und kann fliehen. Schnurstracks geht sie in die Berge und taucht unter. Ein Doppelleben ist nicht mehr möglich. „Der Kommandant hat mich befragt, warum ich hier sei und mir dann gesagt, ‘Gut, du bist hier weder Frau noch Mann, du bist Partisan. Du musst die Waffen kennenlernen, wie man sie einsetzt, wie man sie pflegt, du wirst das tun, was alle machen, es gibt keine Unterschiede. Es gibt hier keine Hosen und Röcke, hier gibt es nur Partisanen.’ Stellt euch das mal vor! Ich bin groß geworden und mir wurde immer gesagt: ‘Sei still, du bist eine Frau.’ Denn in unserer Kultur war die Frau ein Objekt, sie hatte kein Recht, selbst Ideen zu entwickeln. Wer kommandierte, war der Mann. Du warst abhängig vom Vater, vom Bruder, vom Verlobten oder Ehemann. Diese für mich neue Situation in den Partisanenforma­tionen machte mir auch bewusst, welche Verantwortung ich hatte. Denn früher bestimmte der Mann, aber du hast dich auch auf ihn verlassen. Jetzt musste ich auf eigenen Beinen stehen.“
Einen Monat später trifft sie ihren Verlobten, nach Auseinandersetzungen kommt es zum Bruch. „Denn er hat gesagt: ‘Wie, du bist hier inmitten all dieser Partisanen? Du wirst ja eine Frau, die nicht würdig ist, meine Kinder zu erziehen.’ “

Annita Malavasi

Foto:  "Laila" (links) mit anderen Frauen der Resistenza im September 2001 beim Denkmal für die Frauen in der Resistenza in Castelnovo Monti

Aus Annita Malavasi wird „Laila“ – so ihr Kampfname im Untergrund. Oft geht sie alleine oder mit anderen Frauen in feindliche Gebiete, um die militärischen Einheiten abzusichern und gegnerische Ziele auszukundschaften. „Wenn wir zurückkamen und die militärische Aktion dann anfing, also Angriffe gemacht wurden, vermint wurde, Sabotage gemacht wurde, waren wir oft dabei. Daran habe ich sehr oft auch selbst teilgenommen. Das war bei vielen Stafetten so, dass sie im Prinzip eine Doppel- oder eine Mehrfachfunktion hatten. Antispionage, Losungswörter überbringen, die Versorgung zu organisieren, aber eben auch der direkte Kampf.“
Neun Monate lebt Annita Malavasi als Partisanin in den Bergen. Monatelang ist sie die einzige Frau in ihrer Einheit. Sie betont nachdrücklich die Solidarität, den starken Zusammenhalt unter den Partisan_innen. Doch die Frauen seien auch immer wieder brüskiert worden. „So ist zum Beispiel mal die Idee entstanden, bei all dem Schnee, wir sollten keine Hosen mehr anziehen dürfen weil wir sonst unsere Weiblichkeit verlieren würden. Es war absurd.“
Annita Malavasi zieht die Hosen wieder an. Dann kommt die Anweisung, Frauen sollen keine Waffen mehr tragen. „Wenn wir in gefährliche Gebiete vordringen, sollte ich ohne eine Waffe gehen? Bin ich ein Karnickel? Wer so etwas fordert, der soll persönlich kommen und versuchen, mir die Waffe abzunehmen. Ich war immer bewaffnet und niemand hat es gewagt, mir meinen Revolver abzunehmen.“
Trotz aller Kämpfe gegen männliche Vorurteile und frauenfeindliches ­Verhalten auch bei den Partisanen vergisst Annita Malavasi nicht, dass sie in einem vergleichsweise geschützten Raum lebt, in dem sie Freiheiten genießt, von denen sie im Faschismus nicht zu träumen gewagt hätte: „Zum Beispiel in der ersten Nacht in den Bergen. Die anderen Parti­sanen waren 25 junge Männer. Ich lag zwischen einem Ex-Carabiniere und zwei anderen und wir haben fast die ganze Nacht geredet, als Gefährten. Keiner der Männer hat mich in Verlegenheit gebracht. Wenn ich so was außerhalb einer Partisanenformation gemacht hätte, kannst du sicher sein, dass der eine oder andere sein Hand hätte spielen lassen. Aber hier war ich eine ­Partisanin.“

Das Leben in den Bergen ist hart. Die Partisan_innen sind ständig in Gefahr entdeckt und angegriffen zu werden. Die Kämpfer_innen sind schlecht ausgerüstet, bei Wind und Wetter unterwegs. „Oft mussten wir uns im Stall zu sechst oder siebt eine Decke teilen. Wir haben uns zusammengelegt, damit wir nicht erfroren, denn der Winter 44/45 war extrem kalt. Es lag ein Meter Schnee. Für uns war es sehr schwierig, diese Kälte und diese Schneemassen auszuhalten. Es gab keine Straßen und schon gar keine Schneeräumer. Wir mussten die Wege mit unseren Beinen anlegen und das war enorm anstrengend. Und danach konntest du dich nicht in einem geheizten Haus ausruhen. Wir haben uns oft in den Ställen zu den Schafen, Ziegen und Kühen gelegt, um von deren Körpern gewärmt zu werden und nicht zu erfrieren.“

Annita Malavasi übernimmt in der Zeit der Resistenza viele Aufgaben: zunächst Verbindungstätigkeiten, spä­ter bewacht sie Faschisten im Partisanengefängnis. Dann wird sie beauftragt, eine Antispionageeinheit bestehend aus Frauen zu bilden und zu kommandieren. „Ich war die Kommandantin der Stafetten des Nachrichtendienstes. Wir waren ungefähr 40 Frauen in dieser Einheit. In einigen Fällen waren die Frauen der ganzen Familie dabei, Großmutter, Mutter, Schwiegertochter, Tochter, bis zum 9jährigen Mädchen, das mal mit uns gekommen ist. Die Frauen mussten oft sehr weite Entfernungen überwinden. Es gab keine Handys und auch keine Telefonzellen, es gab damals in jedem Dorf maximal ein Telefon bei der offiziellen Poststation. Die einzige Kommunikation, die die Widerstandsgruppen untereinander hatten, lief über unsere Beine. Danach war man sehr müde und froh, wenn man Häuser fand, die einen beherbergten und versteckten. Mehr als einmal haben die Leute uns gestützt, richtig mit den Händen, und uns dabei geholfen die Treppe zu den Schlafräumen hinauf zu gehen, weil wir nicht mehr konnten.“
Die Frauen dieser Einheit überbringen Nachrichten, Informationen und Befehle. Sie begeben sich oft in feindliches Gebiet, um die Lage auszukundschaften. „Wir beobachteten auch die Truppenbewegungen der Deutschen. Im Zusammenhang mit Gegenmaßnahmen und Durchkämmungsaktionen war das sehr wichtig. Es gab aber auch viele ältere Frauen, die vor dem Haus sitzend aufschrieben, wie viele Militärwagen der Wehrmacht vorbei fuhren und wie sie bewaffnet waren. Der Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte in Italien, Kesselring, hat einmal gesagt, der italienische Widerstand hätte ein effektiveres Informa­tionsnetz als sie selbst. Er wusste nicht, dass das oft Analphabetinnen waren, die einfach Striche für jedes Militärfahrzeug machten, dass sie es waren, die die Besatzung beenden wollten und sich für ihre Freiheit und Unabhängigkeit einsetzten.“

Annita Malavasi war eine der elf weiblichen Kommandierenden von Partisaneneinheiten in der Region Emilia-Romagna. Für sie – und viele andere Frauen – bedeutete die ­Resistenza einen riesigen Einschnitt in ihrem Leben. Sie weiß genau, was sie geleistet hat, und will sich die mühsam erkämpften Freiheiten keines­falls wieder nehmen lassen. „Die Arbeit der Frauen war letztendlich das Rückgrat der Resistenza. Es gibt heute viele Leute, die das kleinreden wollen, die die Partisanenbewegung insgesamt und die Rolle der Frauen kleinreden wollen. Das ist sehr gefährlich. Wir haben 20 Jahre Diktatur durchgemacht, die uns Armut, Hunger, Krieg und Besatzung gebracht hat. Für den Fall, dass es diese gesellschaftlichen Negativ­entwicklungen und Rückschritte wieder gibt, werden wir Frauen die allerersten sein, die wieder die Zeche zu bezahlen haben.“

Annita Malavasi starb 90jährig am 27. November 2011. Bis ins hohe Alter war sie aktiv und kämpfte für die Ideale der Resistenza, für die Gleichberechtigung der Frau, für die Rechte der Arbeiterinnen.
Im Jahr 2005 ließ sie sich von deutschen Filmemacher_innen drei Tage mit der Kamera begleiten. Entstanden ist daraus der Film: Non ci è stato regalato niente – Geschenkt wurde uns nichts.
In eindrucksvoller Weise porträtiert der Film eine Frau, die Zeit ihres Lebens gekämpft hat.

Heike Demmel

Der Film ist im September 2015 auf DVD erschienen.

KONTAKT:
eric.esser@makeshiftmovies.info
http://makeshiftmovies.info (mit Trailer)
GESCHENKT WURDE UNS NICHTS
Dokumentarfilm, Deutschland / Italien 2014, Italienisch mit Untertiteln (de/en)
58 Min | PAL | Farbe | 16:9 | Stereo