SS-Massaker bleibt ungesühnt

Verfahren gegen Pottensteiner Karstwehr eingestellt

Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannte Angehörige der in Pottenstein ausgebildeten SS-Karstwehr wegen der Ermordung von 51 Zivilisten im norditalienischen Bergdorf Avasinis eingestellt. Das Massaker geschah am 2. Mal 1945.

Das Verfahren habe keine Hinweise auf konkret an der Tat beteiligte Personen erbracht, teilte Leitender Oberstaatsanwalt Clemens Lückemann unserer Zeitung mit. Die Fahnder hatten insgesamt 41 noch lebende ehemalige Angehörige der SS-Karstwehreinheiten als Zeugen vernommen. Sie alte behaupteten, den Ort Avasinis in der Provinz Udine nicht zu kennen und von einem Massaker dort nichts gehört, geschweige denn daran teilgenommen zu haben. Für Lückemann liegt es nahe, dass es sich hierbei um Schutzbehauptungen handelt, um nicht mit dem Töten von Zivilisten in Verbindung gebracht zu werden. Aber: Die Einheit war in der betreffenden Zeit dort, denn Karstwehrsoldaten sind kurz vor dem 2. Mai 1.945 nahe Avasinis gefallen.

Die Ermittlungen kamen aufgrund einer Anfrage des Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes in Wien vom 29. August 1995 bei der deutschen Justiz ins Rollen. Der Bürgermeister der Gemeinde Trasaghis, zu der Avasinis gehört, hatte dort um Auskunft über Erkenntnisse zu der Bluttat mit 51 zivilen Todesopfern gebeten. Für diese Gräuel seien „Nazi-Truppenteile der Karstjäger-Brigade“ verantwortlich gesesen, schrieb der Bürgermeister. Bereits 1994 hatte die Würzburger Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ehemalige Angehörige des SS-Karstwehrbataillons wegen der Enthauptung zweier Partisanen in Slowenien eingeleitet, die 2001 eingestellt worden waren, weil der Täter verstorben war.

Die Ermittlungen zum Massaker in dem damals 800 Einwohner zählenden Avasinis ergaben, dass einige Partisanen am 1. Mai 1945 deutsche Einheiten in der Nähe angegriffen hatten. die sich auf dein Rückzug nach Kärnten befanden. In den Morgenstunden des 2. Mai 1945 drängen daraufhin Angehörige einer unbekannten SS-Einheit in Avasinis ein. Die Soldaten durchsuchten alle Anwesen nach Partisanen, fanden jedoch keine. „Stattdessen wurden wahllos Zivilpersonen, darunter auch Frauen und Kinder,. erschossen oder auf sonstige Weise getötet“, beschreibt Lückemann das grausame Geschehen. Er geht von der Tötung von mindestens 43 Zivilisten aus, möglicherweise sei die Zahl der Opfer erheblich höher. Die Gemeinde selbst spricht von 52 Toten.

Nahe Avasinis eingesetzt

Als weiteren Beleg, dass es sich bei den Mördern um Angehörige der SS-Karstwehr gehandelt hat, nennt Lückemann die Aussage des ehemaligen Führers der 1. Kompanie. Dieser habe in einer eidesstattlichen Versicherung 1962 erklärt, dass die in Aufstellung begriffene Karstjäger-Division Ende April bis Anfang Mai 1945 im Tagliamento-Tal, in dem Avasinis liegt, eingesetzt war.

Die Karstwehr wurde von Oktober 1942 bis Sommer 1943 in Pottenstein unter Leitung des SS-Standartenführers und Höhlenforschers Hans Brand ausgebildet und dann zur Partisanenbekämpfung in Slowenien und Italien eingesetzt, bei der zahlreiche Zivilisten ermordet wurden. Der US-Geheimdienst CIA war nach 1945 über diese Gräuel offenbar informiert. Die CIA legte im Februar 1952 ein Dossier über den in der Karstwehr an vorderster Front kämpfenden SS-Sturmbannführer Josef Berschneider an, das unserer Zeitung vorliegt. Demnach war bekannt, dass Berschneider in Norditalien Partisanen bekämpft habe, „viele Grausamkeiten“ seien geschehen. 1952 war er in leitender Funktion bei der von Ex-SS-Leuten gegründeten „Deutschen Soldatenzeitung“ in München tätig, einer Vorgängerin der rechtsextremen „Deutschen Nationalzeitung“.

Berschneiders Name taucht auch auf einer CIA-Liste auf, auf der Nazi-Verbrecher wie Alois Brunner und Adolf Eichmann stehen. Warum die Amerikaner ihre Erkenntnisse nicht weitergeleitet haben und Berschneider vor Gericht Stellen ließen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Ob er möglicherweise für die CIA gearbeitet hat, die ihn im Gegenzug vor Strafverfolgung bewahrte, darüber lassen die spärlichen Unterlagen keine Schlüsse zu.

Peter Engelbrecht
aus: „Nordbayerischer Kurier“ Bayreuth vom 24./25. März 2007
Peter Engelbrecht ist Tageszeitungsredakteur in Bayreuth und veröffentlichte 1997 das Buch „Touristenidylle und KZ-Grauen. Vergangenheitsbewältigung in Pottenstein“.

„Tatort Avasinis“

TV-Feature der Medienwerkstatt Franken

http://www.medienwerkstatt-franken.de/mediathek/zeitgeschichte/zeitgeschichte-detailansicht/news/tatort-avasinis

Überlebende berichten über ihre schmerzvollen Erinnerungen.

Das Massaker von Avasinis

http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/01/massaker-von-avasinis