„In den Untergrund zu gehen, war wie eine Beförderung“

Laura PolizziLaura „Mirka“ Polizzi war Politkommissarin in der Resistenza

Laura Polizzi stammt aus einer antifaschistischen Familie aus Parma. Politisiert wird sie durch ihre Onkel, die Führungspositionen in der Kommunistischen Partei (PCI)
einnehmen. Sie selbst tritt als Partisanin unter dem Decknamen „Mirka“ der Resistenza bei.

„Ich habe mich der Resistenza angeschlossen, da war ich noch keine ­18 Jahre alt. Wie alle Mädchen wollte ich alles andere werden als eine Guerillera. Aber am 25. Juli, dem Niedergang des italienischen Faschismus, gab es keinen Zweifel darüber, dass mich die Diskussionen und Gespräche in meinem Elternhaus sehr geprägt haben.“
Laura Polizzi kommt aus einer antifaschistischen Familie. Ihr Vater ist Tischler, die Familie arm. Dennoch gibt es in ihrem Elternhaus jede Menge Bücher, vor allem solche, die im Faschismus verboten sind. Zwei Onkel sind in der kommunistischen Partei, Laura Polizzi kennt die Besuche im Gefängnis. Doch sie stößt auf Ablehnung, als auch sie sich dem Widerstand anschließen möchte.
„Ich fragte die Männer in meiner Familie, ob ich mitmachen könnte, die Antwort war: Nein. Ich sei ein Mädchen. Onkel Remo sagte etwas ernster: ‚Wir sind doch schon dabei, wir ziehen nicht auch noch andere aus der Familie mit rein.‘“
Doch sie gibt nicht auf und löchert die Männer in ihrer Familie weiter. Bis ihr Onkel sagt: Ich schule dich politisch. „Er unterrichtete mich in der Geschichte des Kommunismus, in Ökonomie, und ich wurde dadurch Kommunistin. Der andere Onkel hatte weniger Skrupel und gab mir kleine illegale Aufgaben, diesen und jenen Genossen Dinge zu überbringen. Es wurde September. Der Onkel brachte mich zum Fluss und zeigte mir eine Pistole, nahm sie in die Hand, lud sie, leerte sie wieder und sagte zu mir: ‚Bald wirst du sie nutzen müssen, denn bald müssen wir zu den Waffen greifen.‘“

Laura Polizzi - 'Mirka' 2002Laura Polizzi 1944

 Laura Polizzi vor dem A.N.P.I.-Büro in Parma im Jahr 2001 und 1944

Laura Polizzi anhören:

Deutsche Übersetzung der Originaltöne

 

Er behält Recht. Am 8. September 1943 marschieren nationalsozialistische Truppen in Italien ein. In Parma rufen fast alle Parteien die versammelten BewohnerInnen zum Widerstand gegen die deutsche Besatzung auf. Auch Laura Polizzi ist auf der Piazza Garibaldi. „Plötzlich hört man einen Knall, vielleicht war es nur ein geplatzter Fahrradschlauch. Doch die Leute, die eben noch gesagt haben, sie seien für den Kampf bereit, flüchten total aufgeschreckt. Da kommt ganz spontan eine Wut in mir hoch, und ich steige auf das Denkmal von Garibaldi, von dem aus gerade noch die Männer gesprochen hatten, und ich rede in der Öffentlichkeit. Ich rede und lade die Mädchen und Frauen ein und schreie: ‚Ja wie, eben habt ihr noch ver­sprochen zu kämpfen und jetzt flüchtet ihr und habt Angst? Ich habe keine Angst, wo ich doch ein Mädchen bin!‘ Die Leute bleiben verwundert stehen. Der Onkel Porcari umarmt mich und sagt: ‚Du musst jetzt in die Resistenza ­eintreten.‘“
Das tut sie, ohne zu zögern. Tagsüber arbeitet sie weiterhin als Schuhverkäuferin. Gleichzeitig ist sie Kurierin für die PartisanInnen und die kom­munistische Partei. Sie arbeitet für die antifaschistische Agitation und baut die „Frauenverteidigungsgruppe“ in Parma auf. „Diese Aktivität dauerte für mich nur kurz, denn in den ersten Tagen des Februar 44 – ich war mittlerweile 18 – denunzierte mich eine Frau bei der Polizei. Ich musste meine politische Aktivität in eine andere Gegend verlegen, musste untertauchen. Ich wechselte meinen Namen und erhielt falsche Dokumente. Ich verließ meine Familie, meine Stadt, meine Genossen und wurde zuerst nach Piacenza, dann nach Reggio Emilia geschickt.“ Dort hat Laura Polizzi viel gelernt. Sie wird Anführerin der Frauenverteidigungsgruppen und ist in Kontakt mit der Führungsspitze der politischen Resistenza in der Provinz Reggio Emilia.

In die Berge gehen

„Dieses illegale Leben, wie war es? Viele Genossen, die aus anderen ­Gegenden kamen, hatten wie ich ­keinen festen Wohnort. Wir hatten falsche Papiere, einen Kampfnamen, der wiederum anders war als der, der im Dokument stand. Wir schliefen und aßen in den Häusern, die uns die legalen Kämpfer zur Verfügung stellten. Wir wussten am Morgen nicht, wo wir am Abend schlafen würden.
Meine politische Arbeit war sehr wichtig. Doch es war mir immer noch zu wenig. Ich wollte kämpfen, wollte in die Berge gehen. Und zusammen mit einem anderen jungen Mann, der die illegale Bewegung der Jugend anleitete, bat ich darum.“ Vergeblich. Ihm wird es gestattet, ihr verwehrt. Doch er verrät ihr das Losungswort und Mirka – so ihr Deckname – zieht auf eigene Faust los, ohne den Segen ihrer Partei. Nach zwei Tagen Fußmarsch kommt sie zusammen mit Anderen bei den PartisanInnen an, wo alle vom politischen Kommissar befragt werden. „Als ich an die Reihe kam, fragt er mich: Und wer schickt dich? Ich habe dann die Wahrheit gesagt, weil ich wusste, mit der Partei scherzt man nicht. Und dann schaut er mich an und sagt: ‚Du solltest für deinen Mut ausgezeichnet werden, aber du solltest erschossen werden dafür, dass du deine dir zugeordnete politische Position verlassen hast.‘“ Laura Polizzi wird nicht erschossen. Nach langem hin und her darf sie bleiben, wird sogar – mit 18 Jahren – Politkommissarin, da sie mehr politisches Wissen und ­Erfahrungen hat als die meisten anderen. 512 Frauen haben es laut offiziellen Zahlen in die Position einer Kommandantin oder Kommissarin geschafft. Laura Polizzi ist eine davon. „Als Politkommissarin hatte ich die Aufgabe, die Genossen politisch und moralisch zu unterstützen, diese jungen Männer, die zum Widerstand gekommen waren vor allem aus Ablehnung des Faschismus und des Nazismus heraus. Aber sie hatten keinerlei ideologische Basis und Schulung erhalten, sie wussten nichts von Politik, aber wirklich nichts. Im Faschismus lernte man nichts, es war eine Diktatur. Das, was ich von den Onkeln und den Genossen in Reggio gelernt hatte, nutzte mir nun bei den Partisanen. Ich habe dort gemacht, was alle gemacht haben, habe an Kämpfen teilgenommen, aber auch an bewaffneten Aktionen usw.“

„Wir haben in dieser Zeit hassen gelernt“, sagt Laura Polizzi heute. „Als Kommissarin musste ich auch Spitzel ausfindig machen, musste Verhöre übernehmen. Ich wandte dabei zwar nicht die Methoden der Deutschen an, doch was man den Frauen so nachsagt, sie seien zartfühlend und weich, davon verspürte ich während dieser Arbeit überhaupt nichts.“ Doch dann verlieben sich der Kommandant und sie ineinander. Eine ganze Weile stört das niemand, dann nimmt die Partei daran Anstoß. „Es war nach der damaligen Moral der kommunistischen Partei nicht tragbar, dass wir ein Verhältnis miteinander hatten, zwei Kommandanten im Krieg, die ineinander verliebt waren. Man ­müsse eine Lösung finden. Entweder sollte ich die Formation verlassen und auf meinen früheren Posten in die Ebene zurückkehren, oder ich konnte in den Bergen bleiben, aber nur außerhalb des Kommandos, und die Stafetten und die Frauen in den Bergen anführen. Alle Anwesenden teilten diese Meinung nicht, alle hielten es für irrelevant, dass wir verliebt waren. Es hatte tatsächlich nie irgendeine Auswirkung gehabt. Aber der Beschluss der Partei ließ mir nur diese zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Ich fand das nicht richtig, völlig ungerecht. Doch ich hätte nie zu­gestimmt, in den Bergen zu bleiben ohne meine Aufgabe als Politkommissarin ausüben zu dürfen, in die ich gewählt worden war. Also habe ich mich entschlossen, in die ­Ebene zurückzukehren und dort die Frauen anzuleiten, wie ich es auch schon zuvor gemacht ­hatte.“

Kommando für zwei Abteilungen der Frauenverteidigungsgruppen

Laura Polizzi erfährt nach und nach, dass ihre Mutter, ihr Vater und ihre jüngere Schwester verhaftet sind, dass ihr Bruder, auch Partisan, verwundet ist. „Ich trug also einen immer größer werdenden Hass in mir, und wenn ich früher hundertprozentig kämpfte, so setzte ich mich nun zweihundert­prozentig für die Resistenza ein. Der Kampf in den Bergen hatte mich auch gestärkt, hatte mich widerständiger gemacht.“ Ihre wichtige Rolle in der ­Resistenza bleibt auch den Deutschen nicht verborgen. Sie wird gesucht, die Polizei findet ihre Spur, der Kreis schließt sich immer enger um sie. „Eines Morgens war sogar das Haus umstellt, in dem ich oft schlief, zum Glück war ich just in diesem Moment nicht dort. Man versetzte mich – also glücklicherweise, sonst wäre ich heute nicht hier – nach Mailand. Ich trat in den Mailänder Widerstand ein und übernahm das Kommando für zwei Abteilungen der Frauenverteidigungs­gruppen. Die Aufgaben dort waren ähnlich, aber für mich auch eine neue Erfahrung. Denn im Reggiano hatte ich unter den ­Bäuerinnen gearbeitet, in Mailand hatte ich mit ­Arbeiterinnen zu tun, war in den Fabriken tätig, machte illegale Aktivitäten mit den Arbeiterinnen.“

In Mailand ist Laura Polizzi an der Befreiung beteiligt. Doch es gelingt ihr nicht recht sich zu freuen. Eine befreundete Genossin wird an diesem Tag getötet, von ihrem Gefährten in den Bergen hat sie keine Nachricht, ebenso wenig von ihrer verhafteten und nach Deutschland deportierten Familie.
„Nach und nach ist meine Familie wieder zurückgekehrt. Zuerst meine Mutter, die erzählte, wie sie in Mauthausen erfahren habe, dass dort auch ihr Sohn inhaftiert sei. Und ich dachte, die Arme, sie weiß noch nicht, dass er erschossen wurde – was ich wiederum gehört hatte. Ich sagte es ihr nicht, zum Glück, denn im Juli kam er wieder nach Hause, mein Bruder, natürlich mehr tot als lebendig, er wog nicht mal 40 kg bei 1,82 Größe. Im September kam meine Schwester, aber von meinem Vater haben wir nie offizielle Nachrichten erhalten. Wir haben nur indirekt davon erfahren, dass er in Mauthausen ermordet wurde.“

Heike Demmel

Dieser Artikel beruht auf Gesprächen mit Laura Polizzi im Rahmen der jährlich veranstalteten „Sentieri Partigiani“ von ISTORECO Reggio Emilia. ­Außerdem interviewte sie 2001 der Verein zur ­Förderung alternativer Medien in Parma.