Laura Polizzi über das Frauenbild nach 1945

Laura „Mirka“ Polizzi in den 1950er Jahren auf einer Wahlveranstaltung
Laura „Mirka“ Polizzi in den 1950er Jahren auf einer Wahlveranstaltung

„Du musstest gleichzeitig Hausfrau, Partei­funktionärin, Mutter sein …‘‘

Laura „Mirka“ Polizzi kämpfte in der Resistenza, dann arbeitete sie als Funktionärin der Kommunistischen Partei (PCI). Der PCI hatte den höchsten Frauenanteil unter den Parteien, auch innerhalb der Führungspositionen. Dennoch hielt er am traditionellen Frauenbild und bürgerlichen Geschlechterverhältnis fest. Im Partisanenverband ANPI war Polizzi Vorsitzende der Frauensektion und Teil des Vorstands auf nationaler Ebene.
Am 22. Januar 2011 ist Laura Polizzi mit 86 Jahren in ihrer Wohnung in Parma gestorben. „Forza, non è finita“ – „Vorwärts, es ist nicht vorbei!“, hieß es bei ihrer Beerdigung.

Laura Polizzi: In die Politik einzusteigen war eine ideelle Entscheidung. Wir wollten eine Revolution vorbereiten, an die wir alle im tiefsten Inneren glaubten. Nach dem Krieg hatte ich enorme Hindernisse zu bewältigen. Als Verkäuferin zu arbeiten und den Haushalt zu erledigen, war schon doppelte Arbeit, aber zudem Berufs­revolutionärin zu sein… Beim UDI (Vereinigung der italienischen Frauen) gab es lange kein Gehalt. Wir als Frauen mussten sehr viel ertragen, auch innerhalb der Partei.
Eine Frau, die öffentlich auftrat, erregte viel Neugierde und zog Leute an. Ich erinnere mich an eine Versammlung, die ich in Parma abhielt: Der Platz war brechend voll, einfach grandios, und die Leute waren neugierig darauf, mich als Frau zu hören. Bestimmte Genossen aber wollten nichts davon wissen, dass ich Vorträge hielt, da “eine Frau nicht sprechen kann”.
(…) Mein Gefährte und ich wollten aus Prinzip nicht heiraten, auch nicht, als ich schwanger wurde. Aber mein Onkel war Sekretär des PCI. Er sagte, er selbst hätte nichts dagegen, aber da ich Kommunistin sei, stünde ich im Rampenlicht und solle deswegen heiraten, um mich den Sitten anzupassen. So haben wir eben geheiratet. Dann hat mir der PCI das Gehalt gestrichen, weil “zwei Gehälter in einer Familie zuviel sind”. Aber weil wir es wirklich nicht schafften, habe ich einen Brief an die Partei geschrieben. Doch sie antwortete nur, ich müsse ein Beispiel geben. Immer wieder das mit dem Beispiel, ich arbeitete, schuftete und bekam kein Gehalt. Ich erklärte ihnen meine Situation, und sie gaben mir wenigstens das halbe Gehalt.
Dann ist mein Kind zur Welt gekommen, meist hat meine Mutter darauf aufgepasst. Aber es war wirklich ein Hundeleben, denn du musstest gleichzeitig Hausfrau, Mutter und Parteifunktionärin sein, und bei der Partei waren sie nicht besonders verständnisvoll, wenn du mal zu spät kamst oder unvorbereitet erschienst. Du hattest eine Wahl getroffen, und nur das zählte. Zudem war ich lange die einzige Funktionärin, die ein Kind hatte. Es gab anfangs nur wenige Funktionärinnen, dann kamen immer mehr.

Wir waren alle so voller Idealismus. Du warst mit dem Wiederaufbau ­beschäftigt, damit, den Frauen zu einem demokratischen Bewusstsein zu ­verhelfen (in Italien wird das Frauenwahlrecht erst 1945 ein­geführt), und den Grundstein für den Sozialismus zu legen, denn wir ­dürfen nie vergessen, dass genau der die treibende Kraft war. Das war nicht gerade eine Kleinigkeit!
Und dann gab es für mich wie auch für viele andere das Problem der Abtreibung: Strenge Sitten und von der Sexualerziehung ganz zu schweigen. Innerhalb der Partei und in der Gesellschaft war die Moral rigide. Ich bin sicher, dass es Geschwätz über mich gab, wenn ich erst um zwei, drei Uhr nachts heimkam, in Begleitung von Genossen. Oft haben Genossen zu meinem Mann gesagt: “Also ich hätte es ja nicht gern, wenn meine Frau so ein Leben führen würde.”
Zudem hatten weder ich noch mein Mann große Erfahrung mit Sexualität, so dass ich oft schwanger wurde, mit sehr schmerzhaften Schwangerschaften. Ich habe nicht mal in der Partei gesagt, dass ich mich unwohl fühle weil ich schwanger war. Es blieb das Drama der Schwangerschafts­abbrüche: heimlich und ohne Geld.
Bis es zur Legalisierung kam, habe ich niemandem davon erzählt. Es gab kein Geld für einen Arzt sondern Stricknadeln bei der Engelmacherin. Auch wenn sie weniger kostete als ein Arzt, war es ein Problem. Es gab ja keinen Posten “Abtreibung” in der Familien­bilanz. Zudem war eine Abtreibung eine moralische Belastung. Und sie endete unweigerlich mit Infektionsfieber und Ausschabung in der Entbindungsstation bei vollem Bewusstsein. Wir wurden dort sehr schlecht behandelt. Wir mussten den Abbruch leugnen um nicht im Gefängnis zu landen. Ich konnte schon wegen der Partei nicht ins Gefängnis gehen: Aus nicht politischen Gründen inhaftiert zu werden war sehr unehrenhaft.
Als Kommunistin fühlte ich mich nicht schuldig, weil ich abgetrieben hatte, sondern weil ich danach krank wurde und fehlte. Ich habe damals ein elendes politisches Leben geführt, konnte an ­etlichen Kongressen und Versammlungen nicht teilnehmen. Es war nicht so, dass ein Genosse dich wegen ­einer abgebrochenen Schwangerschaft ­kritisiert hätte, wenigstens hoffe ich das doch. Es war nicht vorstellbar, dass ich als Stadträtin und Parteimitglied, die auf den Plätzen lautstark die ­Familie verteidigt hatte, dann wegen einer ­unerlaubten Abtreibung ins Gefängnis gemusst hätte.

Übersetzung: Nadja Bennewitz