Die Stafette „Libertà“ Giovanna Quadreri

Giovanna Quadreri
Giovanna Quadreri (Jg. 1928) 1945 und 2006, Reggio Emilia

„Wenn wichtige Informationen überbracht werden mussten“

Giovanna Quadreri war 16 Jahre alt, als sie sich im September 1944 der Partisaneneinheit „Gufo Nero“ (schwarze Eule) im Apennin anschloss. ­
Als Ortskundige bekam sie die Aufgabe, junge Männer, die sich nicht der faschistischen Armee anschließen wollten, sicher in die Berge zu den Partisanen zu bringen. Dabei legte sie bis zu 80 km am Tag zu Fuß zurück. Sie war auch im Einsatz, um Anschläge vorzubereiten und Informationen zu überbringen. Eine ihrer wichtigsten Aktionen war die Beteiligung an dem Angriff auf Albinea, der Nachrichtenzentrale für die gesamte deutsche Armee in ­Norditalien.

Giovanna Quadreris Berichte beginnen oft mit einem einschneidenden Erlebnis, das sicherlich zu ihrer Politisierung geführt hat: „Es war Anfang August 1944, als sich mein Vater beim Ortsvorsteher über den Lebensmittelmangel beschwerte. Er wüsste nicht mehr, was er seinen Kindern zu essen geben sollte. Jener antwortete ihm lapidar, er solle uns doch Gras zum Fressen vorsetzen. Mein Vater war darüber so außer sich, dass er dem Ortsvorsteher eine Ohrfeige verpasste. Man steckte ihn dafür ins Gefängnis.“
Ihre Schwester Laura schloss sich daraufhin den Partisanen an, und Giovanna Quadreri besuchte sie alle paar Tage. Sie begann schließlich, junge Männer in die Berge zu geleiten. „Die Jungs mussten fliehen, sie alle hatten Angst, nach Deutschland deportiert oder von den Faschisten ermordet zu werden.“ Sie lief ihnen voraus und auf ein Pfeifzeichen hin folgten ihr die Jungs, wenn die Luft rein war. „Immer mehr kamen zu mir, damit ich sie in die Berge brachte und sie bildeten dort eine eigene Partisanenformation mit dem Namen ‚Gufo Nero‘. Ich wurde für die schwierigsten Missionen eingesetzt, wenn wichtige Informationen überbracht werden mussten.“
Die Arbeit von Giovanna Quadreri war gefährlich, auch wenn sie „klein und mager war und deswegen einen unverdächtigen Eindruck machte.“ Die Anweisungen, die sie weiterzuleiten hatte, schrieb sie auf winzige Zettel, die sie im Notfall hätte verschlucken können, denn bewaffnet war sie nicht.
Oft war es ein Wettlauf mit der Zeit, so als es darum ging, eine Partisanenformation in der Ebene über Anschlagspläne gegen einen deutschen Waffentransport zu informieren: „Drei unserer Partisanen hatten sich deutsche Uniformen besorgt, um so verkleidet einen Sprengstoffanschlag gegen eine Zugstrecke durchzuführen, auf der die Deutschen Waffen und Versorgungsgüter zur ‚Linea Gotica‘(1) transportierten. Doch die Partisanen in der Ebene waren darüber nicht informiert. Hätten sie den Wagen mit drei „Deutschen“ gesehen, hätten sie die Partisanen unwissentlich erschossen. Um sie zu informieren schickte man mich zwei Tage vor dem geplanten Anschlag zu Fuß los. Es war sehr weit. Bergab konnte ich ja noch rennen, doch in der Ebene ging das nicht ohne weiteres. Ich sollte den Partisanen rechtzeitig sagen, ‚Morgen kommt ein deutsches Auto, aber das sind Partisanen. Ihr sollt ihnen den geeigneten Ort für den Sprengstoffanschlag zeigen‘. Alles ist gut gegangen. Früh um fünf Uhr, als der Zug vorbei kam, ist der Anschlag geglückt.“
Giovanna Quadreri war auch an dem erfolgreichen Angriff auf den Sitz des deutschen Generalkommandos in ­Albinea beteiligt, das zum Schutz der Gotenlinie dort stationiert war und als Nachrichtenzentrale mit direkter Verbindung nach Berlin fungierte. In einem Überraschungscoup am 27. März 1945 gelang es britischen Fallschirmjägern, der Formation „Gufo Nero“ und russischen Partisanen den deutschen Stützpunkt anzugreifen und einzunehmen. Dieser Angriff wurde von schottischer Dudelsackmusik begleitet. Der Musik ist es wohl zu verdanken, dass es keine deutschen Vergeltungsschläge gegen die Zivilbevölkerung gab, da man einen ausschließlich britischen Angriff vermutete. Das deutsche Kommando wurde zerstört, was den Vormarsch der Alliierten beschleunigte.(2)

Giovanna Quadreri mit ihrer Schwester 1945Giovanna Quadreri über die Ereignisse: „Wir sind die ganze Nacht gelaufen, eine lange Schlange von ca. 100 Personen. Wir mussten alle Waffen und was sonst benötigt wurde, mit uns transportieren. Ich und eine ­andere ­Stafette erhielten die Aufgabe, nach dem Angriff nach Verletzten zu suchen. Am Morgen nach den Kämpfen brachten wir einen schwer verwundeten Partisan unter Maschinengewehrbeschuss der Deutschen auf einem Ochsenkarren durch Feindesgebiet in Sicherheit. Der Verletzte wollte unbedingt, dass wir fliehen, aber wir konnten ihn doch nicht zurücklassen!“
Giovanna Quadreri war während der Resistenza unter den Kampfnamen „Giorgio“ und „Libertà“ bekannt. Im Mai 1945 bescheinigten ihr die britischen Alliierten außergewöhnlichen Mut im Befreiungskampf als Stafette.

Nadja Bennewitz

Anmerkungen:
(1) Die 320 km lange, von den Deutschen mit Kriegsgefangenen und der italienischen Zivilbevölkerung errichteten „Gotenlinie“ verlief im Westen von Massa-Carrara (Toskana) bis an die Adriaküste nach Pesaro (Marken) im Osten. Nördlich der Linie standen deutsche Truppen, südlich davon die alliierten Truppen mit ihren Verbündeten.

(2) Die Band „Modena City Ramblers“ widmete diesem Angriff 2012 ihr Album „Battaglione Alleato“.