Die verratene Resistenza

1977

Die Bedeutung der Resistenza für die Nachkriegsgesellschaft und die Neue Linke

Durch die Breite der Resistenza fanden sich viele Widersprüche der italienischen Nachkriegsgesellschaft auch in ihr wieder. In der PCI bestand ein deutlicher Unterschied zwischen dem PCI-Überbau, der auf Machtbeteiligung und nationale Einheit setzte, und der Basis, die auf eine soziale Revolution drängte.

Der zahlenmäßig größte Anteil der Partisanen war in Verbänden wie den Garibaldini organisiert, die der Kommunistischen Partei (PCI) nahestanden. Viele erwarteten nach dem Sieg über die deutsche Besatzungsmacht und den italienischen Faschismus eine revolutionäre Umwälzung der alten Gesellschaft. Der PCI verfolgte jedoch, wie Rossana Rossanda in den „Verabredungen zum Jahrhundertende“ feststellt, seit Kriegsende kein revolutionäres Projekt mehr.

Den Kampf der Partisanen als rein nationalen Befreiungskrieg zu interpretieren, verklärt den Blick auf die Ereignisse und macht es unmöglich, den weiteren Verlauf der italienischen Geschichte zu verstehen. Nur ein genauer Blick auf die Rolle des PCI ab 1944 vermag die ab 1960 auftretenden Kämpfe und ihre Radikalität zu erklären.

Bei der Zerschlagung des Faschismus und dem Sieg über die deutschen Besatzer in Nord- und Mittelitalien spielten die Partisanen eine entscheidende Rolle. Doch ein einheitlicher Block waren die mehr als 250.000 Angehörigen der Partisanenarmee nicht. Neben den Kommunisten, die die Mehrheit bildeten, den Sozialisten und den Konservativen waren auch kleinere Gruppen von Linkskatholiken und Monarchisten Teil der Resistenza. Nachdem Mussolini verhaftet und am 8. September die Kapitulation bekannt gegeben worden war, kämpfte die Armee offiziell auf Seiten der Alliierten. Viele ehemalige Militärs schlossen sich der Resistenza an. Die italienische Bourgeoisie hatte Mussolini und die Faschisten fallengelassen, woraufhin dieser, von deutschen Truppen aus dem Gefängnis befreit, mit deutscher Protektion die „Republik von Salò“ gründete.

1977 1977

 

Durch die Breite der Resistenza fanden sich viele Widersprüche der italienischen Nachkriegsgesellschaft auch in ihr wieder. In der PCI bestand ein deutlicher Unterschied zwischen dem PCI-Überbau, der auf Machtbeteiligung und nationale Einheit setzte, und der Basis, die auf eine soziale Revolution drängte.

Die Alliierten standen schon früh vor dem Dilemma, militärisch nicht auf die Partisanen im Kampf gegen die Nazis verzichten zu können, aber auch kein Interesse an bewaffneten Kommunisten oder sozialen Reformen zu haben. So waren sie bestrebt, sich noch während des Krieges vieler Partisanen zu entledigen, und versuchten Waffenlieferungen zu steuern.

Die Wiedereinsetzung ehemals faschistischer Eliten nach 1945 durch die USA beruhte auf dem Problem der Alliierten, keine anderen bürgerlichen Eliten vorgefunden zu haben. Deswegen bauten sie bei der Landung in Süditalien 1943 auf die Mafia als Garantin stabiler Herrschaftsverhältnisse und unterstützten sogar die Kandidatur des Mafia-Bosses der Provinz Trapani für den Posten des Hochkommissars von Sizilien. Der soziale Druck war auch in Süditalien groß, 1944 begannen Landarbeiter vielerorts mit der Besetzung und Bestellung von brachliegendem Großgrundbesitz.

Als die Alliierten schließlich im April 1945 in die Poebene vorrückten, waren die meisten Städte bereits durch von den Partisanen ausgelöste Volksaufstände befreit und besaßen eine vom CLN (Komitee der nationalen Befreiung) aufgebaute Verwaltung. Nachdem sich dann die bürgerliche Demokratie unter Beteiligung des PCI als Kompromiss herausgeschält hatte, kostete es die italienische Bourgeoisie und die PCI-Führung viel Kraft, die breite Basis mit sozialrevolutionären Interessen wieder zurückzudrängen. Dem fiel auch der radikaldemokratische antifaschistische Parlamentarismus, wie ihn der CLN in Norditalien durchgesetzt hatte zum Opfer, der vom PCI ebenfalls aufgegeben wurde.

Sozialrevolutionäre Veränderungen waren nicht nur die Idee einer Hand voll Linksradikaler. Dies zeigte sich auch an Streiks, die 1943 in Norditalien stattfanden, oder dem Vorgehen der Polizei der Regierung Badoglio gegen Arbeiter, das zwischen Juli und September 1943 95 Tote forderte. Stets vermischten sich Elemente des Klassenkampfes mit dem antifaschistischen Widerstand. Diese Tendenzen verstärkten sich bis zum Höhepunkt der durch die Partisanen ausgelösten Volksaufstände und setzten sich auch nach Kriegsende fort.

Der PCI jedoch fügte sich Ordern aus Moskau, die von den Alliierten festgelegten Einflusssphären zu respektieren, und strebte nach Anerkennung des CLN durch die Alliierten. Im Januar 1944 reduzierte er seine Forderungen auf die Abdankung des Königs und vertagte die Frage einer neuen Verfassung auf spätere Zeiten. Im März erkannte die UdSSR die Regierung Badoglio an und der PCI verzichtete auf die Abdankung des Königs. Der PCI hatte sich für einen konstitutionellen Pakt mit den Industriellen entschieden. Der aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte PCI-Vorsitzende Togliatti schrieb der kommunistischen Leitung des Nordens am 6. Juni 1944: „Man muss immer daran denken, dass der Aufstand, den wir wollen, nich den Zweck sozialer oder politischer Transformationen im sozialistischen oder kommunistischen Sinne hat, sondern den Zweck der nationalen Befreiung und der Zerstörung des Faschismus. Alle anderen Probleme werden vom Volk gelöst, morgen, wenn einmal ganz Italien befreit ist, durch eine freie Volksbefragung und die Wahl einer konstituierenden Versammlung.“ Dieser Hinweis war auch nötig, denn ein Teil der Resistenza hatte mehr als die „nationale Einheit“ im Kopf.

Spannungen innerhalb der Resistenza werden an Vorkommnissen wie der Hinrichtung von 14 rechten Partisanen durch kommunistische Partisanen am 7. Februar 1945 deutlich: Die Erschossenen hatten sich geweigert, sich den Tito-Partisanen unterzuordnen. Nach dem Krieg verweigerte ein Teil der Partisanen die Abgabe der Waffen. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge waren 1947 noch bis zu 80.000 linke Ex-Partisanen bewaffnet.

Aufgrund seiner faktischen Macht wurde der CLN im Dezember 1944 von der italienischen Regierung und den Alliierten als Regierungsvertreter in den von den Deutschen besetzten Gebieten anerkannt. Der CLN trat in die Regierung in Rom ein, wo es zu Spannungen kam, da die Bourgeoisie mit Unterstützung der USA ihre Macht ausbauen und festigen wollte, während die Bevölkerung mit Streiks und Landbesetzungen auf soziale Reformen drängte. Die Konflikte spitzten sich auch zwischen den linken und rechten Kräften in der Regierung zu. Der PCI beugte sich auf der Suche nach der viel beschworenen „nationalen Einheit“ den Interessen der Bourgeoisie und wurde im Mai 1947, als die konservativen Kräfte ihre Position gefestigt hatten, gemeinsam mit den Sozialisten aus der Regierung ausgeschlossen.

Die Enttäuschung bei einem Teil der Ex-Partisanen war bereits durch die „ausgebliebene Revolution“ groß. Aus dieser „verratenen Resistenza“ des Nordens gingen in der unmittelbaren Nachkriegszeit verschiedene bewaffnete Gruppen hervor, die Strafaktionen gegen Faschisten durchführten. In der Region Emilia Romagna wurden in den ersten 18 Monaten nach der Befreiung 1.496 Kommunisten zugeschriebene „politische Straftaten“ gezählt. Allein im Kreis Bologna gab es 615 Tote, 75 Faschisten „verschwanden“. Neben spektakulären Aktionen wie der Stürmung eines Gefängnisses und der Erschießung von 54 inhaftierten Faschisten durch eine kommunistische Einheit in Schio im Juli 1945, spitzten sich auch die Konflikte auf dem Land zu. Im Kreis Bologna wurden 21 Großgrundbesitzer aufgrund von Landkonflikten getötet oder schwer verletzt, im Kreis Ravenna kamen 15 Großgrundbesitzer ums Leben, weitere zwölf wurden verschleppt, ohne dass sie jemals wieder auftauchten. Als Togliatti 1945 und 1946 als Justizminister vage formulierte Amnestien erließ, die praktisch zur Freilassung aller verurteilten Faschisten und zum Abbruch laufender Verfahren führten, verursachte dies starken Unmut. Insgesamt begaben sich über 500 Bewaffnete wieder in die Berge. Es gelang erst 1947 diese Gruppen wieder zu zerschlagen. Viele andere enttäuschte Ex-Partisanen zogen sich aus der aktiven Politik zurück.

Auch erhalten gebliebene faschistische Verbände führten in der direkten Nachkriegszeit Anschläge und Angriffe auf Linke durch. Die Alliierten übten Druck auf die italienische Polizei aus, jene aufzulösen – einige wurden in die Geheimdienststrukturen der jungen Republik integriert. Die Angst vor dem gemeinsamen Feind, der Linken, einte Alliierte, Konservative und Faschisten schnell wieder. Der Kompromiss zwischen Faschisten und Konservativen auf der Grundlage einer streng antikommunistischen Ideologie im Geist des kalten Krieges bestimmte den weiteren Verlauf der italienischen Politik.

Die kapitalistische Restauration Italiens wurde zügig vorangetrieben und die Polizei ging mit äußerster Brutalität gegen Land- und Industriearbeiter vor: Von Juni 1947 bis Januar 1951 starben 81 Protestierende durch Polizeieinsätze, weitere durch Großgrundbesitzer. Bei einem Generalstreik 1949 in Modena tötete die Polizei sechs kommunistische Arbeiter. Im gleichen Jahr setzte sie in Kalabrien Handgranaten und Maschinengewehre gegen unbewaffnete Landbesetzer ein. Jedweder Protest wurde mit gnadenloser Repression überzogen.

Nachdem die Christdemokraten bei den Wahlen 1953 zwei Millionen Stimmen verloren hatten, wuchs in Italien und den USA die Angst vor der erstarkenden Linken weiter an. Der PCI hatte 5 Millionen Wählerstimmen und 2,5 Millionen Mitglieder. Aber die Togliatti-Linie – „Ja zur demokratischen Machtergreifung, Nein zum revolutionären Prozess“ – war von der Funktionärsebene durchgesetzt worden. Der PCI und seine Organisationen hüteten sich, die lokal stattfindenden Streiks zu koordinieren. Der von ihnen propagierte Arbeitsethos, der den antifaschistischen und qualifizierten Fabrikarbeiter des Nordens als – im Gegensatz zur parasitären Bourgeoisie stehenden – produktiven und gesunden Teil der Nation ansah, propagierte die ständige Weiterentwicklung der Produktivkräfte als historische Aufgabe der Arbeiterschaft. Denn eine fortschrittliche Demokratie wäre unvereinbar mit den Unternehmerinteressen und damit auch die Vorbereitung für die – friedliche – Übernahme der Fabriken. So zeigten PCI und Gewerkschaften bei den nach 1958 sporadisch auftauchenden Landkämpfen im Süden und bei Fabrikbesetzungen im Norden Zurückhaltung.
Es sollten schließlich die Ereignisse des Jahres 1960 sein, die eine neue Dynamik in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen brachten. Die Regierung Tramboni genehmigte, unterstützt durch MSI-Abgeordnete, einen Kongress der Faschisten in Genua. Die Regierung wollte mit der Genehmigung des Kongresses in der linken Hochburg Genua testen, ob eine Öffnung zu den Faschisten möglich ist.

Während sich die Organisationen der offiziellen Linken darauf beschränken, ein Verbot des Kongresses zu fordern, organisieren Studierende, Angestellte und Jugendliche für den 25. Juni eine Protestversammlung. Als die Polizei die Kundgebung angreift, stürmen Arbeiter vom nahen Hafen und aus Fabriken mit Stahlhaken und Eisenstangen herbei und kämpfen an der Seite der Protestierenden. Tags drauf werden Kontakte zu Ex-Partisanen, die wegen ihrer Kritik an der Linie der offiziellen Linken aus der aktiven Politik ausgeschieden waren, geknüpft. Die Studenten wenden sich direkt an die Arbeiter, ohne den Umweg über die Gewerkschaft zu gehen.

Die linken Gewerkschaften und Parteien rufen für den 30. Juni zum Generalstreik in Genua und Savona auf, um die Protestbewegung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Während sie betonen, dass es sich um einen friedlichen Protest handelt, greifen Tausende von Studierenden, proletarischen Jugendlichen, kommunistischen Dissidenten und Anarchisten die 15.000 aufmarschierten Ordnungskräfte an. Die Funktionäre des PCI sowie die Gewerkschaften und der PCI-dominierte Partisanenverband ANPI mahnen zur Ruhe, die Demonstranten hingegen beklagen den Mangel an Waffen und fordern eine Intervention der Ex-Partisanen. In Turin findet ein spontaner Solidaritätsstreik statt, bei dem die kommunistische Gewerkschaft CGIL Arbeiter und Studenten davon abhält die Polizei anzugreifen. In Genua werden die Aktionen am nächsten Tag, ohne die offizielle Linke, wieder aufgenommen. Der Vorsitzende der ANPI distanziert sich von den Kämpfen und fordert öffentlich, die Verhafteten nicht zu unterstützen. Dennoch strömen Tausende Jugendliche und bewaffnete Ex-Partisanen nach Genua. Vertreter der offiziellen Linken werden ausgepfiffen und angegriffen. Der Kongress wird abgesagt. Die offizielle Linke organisiert für die folgenden Tage „friedliche“ Demonstrationen in ganz Italien, doch diese münden in massive Zusammenstößen mit den Ordnungskräften, die in der ersten Juliwoche landesweit zehn Arbeiter erschießen. Es kommt zum Generalstreik, die Regierung wird kurze Zeit später umgebildet.

Neben dem konkreten politischen Erfolg stellen die Kämpfe vom Juni und Juli 1960 die Geburtsstunde der neuen Linken und neuer Kampfformen dar. In den Kämpfen von 1960 in Genua trat eine Dissidenz zur klassenversöhnlerischen Haltung der PCI an den Tag, die bis in die Tage der Resistenza zurückverfolgt werden kann.

Die revolutionären und antifaschistischen Ideen der Partisanen lebten weiter, und sie kamen in den Klassenkämpfen am Ende der 60er und 70er Jahre immer wieder zum Durchbruch. 1969 bildeten sich bewaffnete Gruppen als Reaktion auf die Kämpfe in den Stadtteilen und Fabriken, die sich in eine direkte Nachfolge der Resistenza stellten. Die Partisanenaktionsgruppe GAP um den Verleger Feltrinelli teilte sich mit den städtischen Sabotagegruppen der Resistenza nicht nur das Namenskürzel: An ihr sollen auch ehemalige Partisanen beteiligt gewesen sein. Am 25. April, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, werden 1971 und 1972 in Mailänder Arbeitervierteln hunderte von Fahnen der Brigate Rosse gehisst.

Aktionen der Autonomia richteten sich in den Jahren um 1977 auch gegen die faschistische MSI, die sich nach Mussolinis Marionettenrepublik benannt hatte: Immer wieder kam es zu Überfällen auf Faschisten, Parteilokale der MSI wurden aus Demos heraus beschossen.

Die schärfer werdenden Auseinandersetzungen der Jahre nach 1960 sind in gewisser Weise auch ein Kampf um das verratene Erbe der Resistenza.

Dario Azzellini

Literaturtipp:

P. Moroni & N. Balestrini: Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin & Göttingen 1994